Barcelona: Katalanischer Hedonismus in seiner pursten Form

Autor: Michael
Dauer: 4 Tage
Reisezeit: Juni 2026
Fokus: Kulinarik

Inhalt

  1. Villa Mas
  2. Barcelona

Es war ein kühler Sonntag im Februar. Vier Leute an einem Tisch, in der Mitte vier zerknüllte Papierkugeln. Auf jedem der Papierfetzen stand eine kulinarische Destination: Madrid, Kopenhagen, Mailand, Barcelona. Die Entscheidungsfindung an diesem leicht weingeschwängerten Nachmittag wurde dem Zufall überlassen. Alles was wir wussten: Ein verlängertes Wochenende mit 5 Tagen Zeit können wir uns freischaufeln – und wir wollen kulinarisch verreisen. Die Glücksfee zieht – und wir fliegen nach Katalonien.

Villa Mas – oder warum man unbedingt nach Sant Feliu de Guíxols reisen sollte

Der erste Stopp unserer Reise führt uns direkt vom Flughafen in Barcelona zur Autovermietung. Nachdem man in der Innenstadt von Barcelona wirklich auf jegliches Gefährt verzichten kann, steht außer Frage, dass unser erstes Ziel gleich mal außerhalb der gezogenen Destination liegt. An dieser Stelle ein kleiner Spoiler: Es sollte eine sehr, sehr gute Wahl werden. Rund eine Autostunde nördlich von Barcelona liegt der Strand von Sant Pol. An der geschützten Bucht reihen sich einfache Hotels für einheimische Touristen, auch viele Tagesgäste kommen aus den Städten Girona und Barcelona hier her. Internationale Gäste verirren sich wohl kaum an diese Adresse, abseits der schönen Bucht mit ihrem flachen Wasser bietet der Ort an der Costa Brava nicht viel. Hinter den kleinen, heruntergekommenen Hotels direkt am Strand gibt es auch noch einige kleinere, wenig besuchte All-Inclusive-Burgen. Auch brutalst nebeneinander gepflanzte Sommerhäuschen gibt es. Das soll unser erster Stopp sein? Bei der Ankunft in unserem etwas maroden 3-Sterne-Hotel – wir sind nur zum Schlafen hier, Hauptsache der Heimweg ist kurz – bin ich mir nicht vollends sicher.

Willkommen im Himmel – da wussten wir es noch gar nicht.

100 Meter weiter den Strand entlang finden wir uns am Abend in einem unscheinbaren, etwas schicker aussehenden Lokal ein. Über dem Eingang leuchtet in Neonlettern: Villa Mas. Wir haben von verschiedenen Seiten den Tipp bekommen, dass wir hier unbedingt hin müssen. Es sei einer der besten Orte der kulinarischen Welt. Zu Beginn ist alles etwas verhalten, das Service ist entspannt und unkompliziert, aber darum geht es hier auch nicht. Als wir das erste Mal die Weinkarte in der Hand haben, verstehen wir, warum die halbe Weinwelt von diesem Ort schwärmt. Eine Karte kalkuliert um sie zu trinken. In ihrer Vollständigkeit, von hinten nach vorne. Gerade großes Burgund trinkt man wohl selten günstiger, auch die Jahrgangstiefe bei einigen der besten Weingüter dieser Erde ist unfassbar. Nur als Beispiel: Eine Flasche Francois Ravenau Premier Cru Forêt kostet ganze 150€. Clos de la Marechale 2017 von Jacques-Frederic Mugnier gar nur 140€. Wir bestellen beides, auch wenn das Service leicht verwirrt ist. Das Essen ist simpel, aber im besten Sinne: Frische rote Garnelen aus dem legendären Fischerort Palamós, keine 15 Kilometer entfernt. Tagesaktuell gefangener Fisch, geniale Paella, was braucht man mehr. Eine Flasche Brunate 2021 vielleicht noch, aber dann zählt das als perfekter Abend. Die Kirsche auf diesem Sahnehäubchen von einem Tag: Kein geringerer als Tom Lubbe von Matassa ist am selben Abend im Lokal, wir haben mal über eine erneute Podcast-Folge geplaudert. Mal sehen!

Pure Produktküche und eine Weinkarte, die dich umhaut. 

Das wahre Highlight kommt dann aber doch erst am zweiten Tag: Was am Vortag noch halb im Spaß, halb im Ernst besprochen wurde, wird schnell konkret. Wir müssen mittags vor unserer Rückfahrt nochmal in die Villa Mas. Gemütlich zum Lunch, ein, zwei Flaschen öffnen, antrinken und den Rest für die nächsten Tag mitnehmen. Nach einem kleinen Spaziergang rund um die Bucht haben wir Glück: Wir bekommen noch einen Tisch für 4. Sicherlich von Vorteil, dass der Kollege bei der Reservierung unsere Weinbestellungen vom Vorabend bemerkt. Siehe da, wir bekommen einen weitaus besseren Tisch (und besseres Service). Der Lunch ist absolute Weltklasse: Vorspeise, Hauptspeise und Dessert für heiße 45€, alle drei – wählbaren! – Gänge sind purste Erfrischungen und höchste Kunst. Das beeindruckt noch mehr als die Abendkarte. Frischer Thunfisch, Zucchini und Zucchiniblüten in einer sommerlichen Vinaigrette. Es geht nicht besser. Auch der Schluck Thierry Allemand Cornas Chaillot 2016 macht sehr glücklich. Und ja: Wir sind in Spanien und trinken Frankreich, aber tatsächlich liegt die Schwäche dieser Weinkarte eher bei den einheimischen Produzent:innen als bei jenen der benachbarten Grande Nation.

Unvergesslich: Der Lunch in der Villa Mas.

Barcelona – Das gastronomische Herz pocht laut

Aus der Ruhe und Gelassenheit des Platja de Sant Pol geht es in die Hitze der Stadt: Fairerweise muss man sagen, wir haben es uns für Anfang Juni heißer vorgestellt, es war alles in allem gut erträglich. Wir sind schlussendlich in Spanien im Frühsommer, es darf durchaus wärmer sein. Mit der gastronomischen Erfahrung der Villa Mas im Gepäck ist natürlich jeder Vergleich schwierig. Der erste Abend sollte uns auch gleich eine Lehre sein: Das Gresca, ein hippes Bistro-Konzept, das überall auf der Welt sein könnte, wurde uns von allen Seiten empfohlen. Lockeres Ambiente, beste Produkte, spannende Weinkarte – so der Tenor. Schon bei unserem Ankommen ist alles etwas gestresst. Schnell zum Tisch, schnell die sharing plates aussuchen. Karten gibt es keine, alles läuft über Online-Menüs am Handy. Kein Beinbruch, aber irgendwie auch nicht wahnsinnig sexy. Das Service beginnt dann von gestresst in unfreundlich und desinteressiert zu wechseln, keine sinnvollen Erklärungen zu den Gerichten (die durchaus großartig waren!), der Sommelier ist sowieso überzeugt davon, dass er sich mit uns nicht abgeben muss. Wir essen ganz gut, beschließen aber schon zu Beginn nur günstig zu trinken – die gesamte Stimmung schreit einfach nicht nach Belohnung. Und auch die Weinkarte ist weder genial noch wahnsinnig günstig für spanische Verhältnisse. Die Flasche Bodega Cerron (Matas Altas!) ist allerdings sehr gut.

Das Gresca war vielfach empfohlen – aber leider eine Enttäuschung.

Punktgenau nach 1 Stunde und 50 Minuten passiert das, was wir auf Basis der stressigen Atmosphäre von Anfang an erwartet haben: Man bittet uns mit Nachdruck endlich zu zahlen und zu gehen. Auf die Nachfrage, ob denn der Tisch doppelt vergeben wird, kommt zuerst keine klare Antwort, dann doch. Ja, nach zwei Stunden ist hier Ende, der Tisch wird nochmals vergeben. Per se absolut kein Problem, die Gastronomie muss Umsätze liefern und oft funktioniert das – gerade an kulinarischen Hotspots – nur mit Zeitfenstern. Alles gut, solange man es kommuniziert. Das passiert nämlich gar nicht. Weder zu Beginn, noch in der Reservierung wird in irgendeiner Form darauf hingewiesen. Auf den freundlichen Hinweis, dass man die Kommunikation hier vielleicht etwas verbessern könnte, wird man mit den Worten „Wer nicht spanisch spricht, hat Pech gehabt“ auf mangelnde Sprachkenntnisse verwiesen. Fun Fact: Weder wurden wir auf spanisch angesprochen, noch steht in der Mail auf spanisch etwas vom zweiten Seating. Ein paar Tage später sollte uns bestätigt werden, dass das Gresca leider seit einiger Zeit mehr auf Profit als auf die großartige Küche & Weinkarte setzt, für des es bekannt ist. Wir beschließen den Abend mit einer schönen Flasche Tinto 2024 von Michael Candelario in der Bodega Solera – und wenn man sich die Weinkarte und die vorbeigehenden Gerichte so ansieht, hätten wir vielleicht direkt hierher kommen sollen.

Den Abend retten in der Bodega Solera mit super Naturwein-Karte.

Den zweiten Tag im Barcelona haben wir dann erst einmal entspannt mit Spaziergang und Frühstück (Prima Salvaje! Origo! Beides großartig!) begonnen, danach ging es in die touristische Altstadt. Ein bisschen Keramik shoppen, treiben lassen. Mitten im Trubel der Altstadt haben wir aber auch eine Markierung auf unserer Liste: La Vinya del Senyor, eine Bar mit Snacks und angeblich absurder Weinkarte. Das klingt ja für einen Einkehrschwung am Nachmittag schon mal nicht schlecht. Gildas, Thunfisch, Pan con Tomate – perfekte Snacks. Und die Weinkarte? Vielleicht die tiefste Weinkarte mit Spanien-Fokus, die ich bisher gesehen habe. Comando G? Drei Seiten, unendliche Jahrgangstiefe. Genauso kannst du aber auch die Klassik rund um Vega Sicilia in ähnlicher Form trinken. Ein Buch voll mit spanischem Wein, von alteingesessenen Kultweingütern bis zu neuen Entdeckungen ist da wirklich alles dabei. Und das mitten an einem belebten Platz im touristischsten Eck der Stadt, eigentlich unfassbar. Wie eine kleine Oase mitten in der Wüste, wir trinken eine sensationell gute Flasche Dominio del Aguila Viñas Viejas Albillo 2020. Vielleicht der beste spanische Weißwein den ich je im Glas hatte. Und weils so schön ist bleiben wir picken, wie man auf österreichisch sagen würde. Las Iruelas 2014 von Dani Landi braucht Zeit, entfaltet dann aber mehr und mehr seinen kargen, ätherischen Kern. Ganz großes Kino – und plötzlich ist es 20:00 Uhr. Die Zeit vergeht wie im Flug an diesem absurden Fleckchen Barcelonas, der Tisch im Suru wartet schon auf uns.

Barcelona hat gestrahlt!

Hier könnte man ewig sitzen bleiben: La Vinya del Senyor in der Altstadt.

Das Konzept im Suru ist ähnlich wie am Vorabend: Sharing plates aus einer offenen Küche, großartige Grundzutaten, eine kleine aber schöne Weinkarte. Konträr aber der gesamte Service: Von Beginn an spürt man eine nicht enden wollende Herzlichkeit, alles ist entspannt. Kein stressiges Abservieren, man nimmt sich Zeit für die Gäste – dann kann man auch das Essen weitaus mehr genießen. Vielleicht ist das qualitativ nicht wahnsinnig viel über dem Niveau von Gresca – aber im Suru hat man die Möglichkeit, diese Qualität auch zu schätzen. Ein Highlight sind die Spieße mit Garnelentatar und Hühnerhaut, auch der Spargel war fantastisch – mussten wir direkt nachbestellen. Die Flasche Obertura von Cantalapiedra war leider schwach, aber wie wir danach mehrmals gehört haben – die Flaschenunterschiede sind sehr groß. Auch noch absolute Weltklasse: Am Ende des Abends kommt unbekannterweise jemand an unseren Tisch – und stellt sich als Fan des Podcasts und Hörer aus Deutschland vor. Eigentlich unfassbar, dass ausgerechnet an dem Abend ein Hörer eines deutschsprachigen Podcasts im selben Lokal sitzt – und mich vom Nebentisch aus erspäht. Danke, das war ein sehr wertschätzendes Erlebnis!

Großes Kino im Suru: Pure Lebensfreude, absolute Entspannung.

Für etwas Kultur abseits der Kulinarik war am letzten Tag in Barcelona noch ein Museumbesuch eingeplant: Joan Miro wurde mit der Fundacio am Fuß des Montjuïc ein architektonisches Denkmal gesetzt, die Ausstellung selbst – und versteht mich nicht falsch, ich liebe Miro – ist leider unfassbar schlecht. Die Gegenüberstellung der Werke mag mit einigem Kontext funktionieren, der wird leider nicht gegeben – oder ist nur in Form von Texten präsent, die heute ChatGPT besser schreiben könnte. Schade! Umso schöner: Unser letzter Abend. Da die kulinarische Vielfalt in Barcelona aktuell nahezu unendlich erscheint, war es gar nicht so einfach, die richtigen Lokale auszuwählen. So richtig Lust auf Sterneküche und ein volles Menü hatten wir nicht, drei Tage hintereinander ein ähnliches Bistro-Konzept war aber irgendwie auch nicht das Wahre.

Die Fundacio Joan Miro ist architektonisch beeindruckend – die Ausstellung schrecklich kuratiert.

Also haben wir uns für das alkostat entschieden, den „Ableger“ des Sternerestaurants alkimia von Jordi Vilà. Alleine der Eingang ist schon spektakulär: Das Lokal liegt im ersten Stock eines Altbaus, nachdem man außen läutet und sich die Tür öffnet, geht man durch ein kleines Stiegenhaus mit bunt schimmernden LED-Quallen hinauf. Man weiß nicht so richtig, ob man hier richtig ist. Dann öffnet sich eine Flügeltür und man steht mitten im Lokal, ein Deckenfresko das auch in einen Florentiner Palazzo passen würde. Das alkostat ist im selben Raum wie das alkimia, nur durch eine spärliche Holzvertäfelung getrennt. Man sieht die offene Küche, man sitzt nur etwas weiter weg – und isst a la Carte. Küchentechnisch war das nochmal ein absolutes Highlight: Marinierter Thunfischbauch, Steinbutt, Zucchini-Salat mit Garnelen. Das hat alles nochmal einen Hauch mehr Tiefe und Komplexität als die letzten Tage. Und die Weinkarte? Ein enges Rennen mit der schon spektakulär guten Karte des Villa Mas um die stärkste Weinkarte der Reise. Gevrey von Rosseau für unter 200€? Kein Problem. Inaki Garrido’s Las Toscas kannst du hier genauso trinken – beides war großartig. Leider ist das unser letzter Tag in Barcelona – einer Stadt, die ich ehrlicherweise kulinarisch nie so hoch eingeschätzt hätte. Aber hier tut sich gerade unglaublich viel. Und Wein wird noch so kalkuliert, dass er auch getrunken werden kann.

Ein grandioser letzter Abend im alkostat von Jordi Vila.

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