Alles Barolo: Ein Versuch die Faszination des Piemont zu erklären – und natürlich wo man essen & trinken sollte

Autor: Michael
Dauer: Rund 5 Tage
Reisezeit: Oktober 2025
Fokus: Kulinarik

Inhalt

  1. Die drei wichtigsten Piemont-Tipps
  2. La Morra
  3. Annunziata
  4. Castiglione Falletto
  5. Perno
  6. Serralunga
  7. Monforte
  8. Barbaresco-Special: Neive
  9. Was man vom Piemont nicht erwarten sollte

Ich bin tatsächlich noch nie absichtlich und ohne ersichtlichen Grund zweimal innerhalb kurzer Zeit in die selbe Region gereist. Deshalb möchte ich in den kommenden Zeilen den Versuch wagen, zu erläutern warum es mir das Piemont so angetan hat. Und natürlich worauf man achten sollte, denn ich habe im zweiten Versuch natürlich von den Fehlern der ersten Reise gelernt – und das waren doch so einige. Aber eines nach dem anderen.

Gleich zum Start möchte ich euch drei Tipps mit auf den Weg geben, die für mich entscheidend für einen Piemont-Trip sind. Ich konzentriere mich in diesem Blogpost vor allem auf das Gebiet der DOCG Barolo – über den Barbaresco, Turin und Alba sprechen wir im Detail in unserer Podcast-Sonderfolge zum Piemont.

1. Die Wahl des Standorts

Wahrscheinlich die wichtigste Frage, die man sich am Beginn der Piemont-Reiseplanung stellen sollte. Wo werde ich übernachten? Die kleinen, bäuerlich-geprägten Dörfer der Langhe sind nicht unendlich weit voneinander entfernt, aber die Distanzen erscheinen nur auf den ersten Blick kurz. Die hügelige Struktur ist geprägt von Monokultur: Wein oder Haselnuss, je nachdem. Dazwischen hin und wieder etwas Wald. Die Hügel sind allerdings nicht zu unterschätzen sind und Taxis sind im Piemont nicht existent – ja, haben wir mal probiert, die einzigen Taxiunternehmen sitzen in Alba und zocken dich so richtig ab. Man kommt also nur mit dem Auto von A nach B, entsprechend wichtig ist der Standort der Unterkunft. Denn ganz ehrlich, Drink & Drive sollte spätestens 2025 wirklich keine ernsthafte Option mehr sein.

Irgendwo im Piemont – und der Blick über La Morra.

2. La Morra schlägt Barolo

Bei unserer ersten Piemont-Reise haben wir natürlich den Fehler gemacht, den wohl jeder Rookie machen würde: Wir haben alles rund um das Dörfchen Barolo geplant. Die Anziehungskraft jener Stadt, die Namensgeber für den vielleicht größten Wein der Welt ist (hier kann ich nicht neutral bleiben), kann man nicht verleugnen. Allerdings ist Barolo der mit Abstand touristischste Ort der gesamten Region und sowohl Qualität als auch Preis sind entsprechend überdurchschnittlich hoch. Als wahres Zentrum der Langhe gilt unter Kennern und Einheimischen sowieso La Morra: Auf dem Hügel nördlich oberhalb Barolo gelegen, gibt es in La Morra die wohl größte Dichte an großartigen Lokalen und Weinbars. Hier spürt man das Leben der Region am intensivsten, entsprechend war La Morra bei unserem zweiten Piemont-Trip unsere Homebase.

Das Zentrum der Langhe. 

3. Großer Barolo wird im Piemont getrunken

Naiv und voller Vorfreude habe ich mir beim ersten Trip ins Piemont unser vollgepacktes Auto in rauen Mengen bestückt mit Rinaldi, Bartolo Mascarello und Konsorten vorgestellt. Bei uns kosten die Weine oft so viel wie das imaginäre Auto selbst, dass muss doch in der Herkunftsregion günstiger gehen. Tut es auch – aber eben nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Alles aus dem Piemont ist auf den Weinkarten der Region vergleichsweise spottbillig. Du kannst für gute 200€ – ja, auch hier hat die Inflation zugeschlagen, es wird nicht günstiger – im Lokal die Rinaldi-Crus trinken, dir Bartolo Mascarello und Giacomo Conterno für faires Geld in die Birne knallen. Aber du nimmst sie nicht mit nach Hause. Was im Lokal für 200€ auf der Karte steht, kostet in der Enoteca nebenan gleich mal 300€, wenn du direkt in Barolo shoppen willst eher 400€. Der Grundsatz ist: Piemont soll im Piemont getrunken werden. Das finde ich grundsätzlich großartig und gilt vor allem für die größten Weine der bekannten, gehypten Namen. Die vielen genialen – aber weniger bekannten – Winzer:innen rundherum sind dann schlussendlich auch in meinem Auto gelandet. Zusätzlicher Lerneffekt: Für die zweite Reise haben wir nicht den mühsamen Weg von Wien aus per Auto auf uns genommen, sondern uns einfach erst im Piemont einen Mietwagen genommen.

Zum hier trinken, nicht zum Mitnehmen.

Die wichtigsten Orte des DOCG Barolo

Nachdem die wichtigsten Basics geklärt wären, möchte ich jetzt noch auf ein paar Orte und Lokale im Detail eingehen, die mich nachhaltig beeindruckt haben – natürlich auch wie immer mit einer kleinen Liste an spannenden Restaurants, die ich selbst bei meinen Besuchen noch nicht geschafft habe. Die Küche des Piemonts ist so genial wie einfach: Man kann generell fast nichts falsch machen. In jedem Lokal gibt es die Klassiker vom Vitello Tonnato über den Insalta Russa bis zu Ravioli del Plin und Tajarin al Ragù. Das war es dann auch so ziemlich und das Level der Qualität ist den meisten Betrieben ähnlich hoch – schlussendlich wird hier seit hunderten Jahren nichts anderes gekocht. Auch in den besten Sterne-Restaurants der Region wie zum Beispiel im Il Centro in Priocca, einer absoluten Institution, schmeckt das Ragù nicht unglaublich viel anders oder besser.

Entscheidend für die Wahl des Lokals sind also die Weinkarten – und hier gleich noch ein kleiner Disclaimer: In der Hügellandschaft der Regionen Barolo und Barbaresco gibt es außer Essen und Trinken wirklich wenig zu tun. Weinbegeisterte Fahrradfahrer:innen sind wahrscheinlich noch eine zusätzliche Zielgruppe, aber wenn man nicht auf Nebbiolo steht und abseits des Essens auch noch etwas erleben möchte, ist die Langhe höchstwahrscheinlich das falsche Reiseziel.

Ragù und Hügel. Nicht mehr und nicht weniger.

La Morra

Die heimliche Hauptstadt der Langhe hat auch ein gar nicht so geheimes Lokal im Zentrum, das ich als wichtigsten Stopp im gesamten Piemont erachten würde: Die Osteria More e Macine. Hier isst man die Klassiker des Piemonts in bester Qualität zu erschreckend niedrigen Preisen (Vitello Tonnato für unter 10€, das Ragù kostet ebenfalls 9€) – und eine Weinkarte zum Niederknien. Alles aus dem Piemont natürlich, aber auch Champagner und Burgund lässt sich hier sehr gut trinken. Die faire Kalkulation beim Wein sorgt dafür, dass hier Winzer:innen, Weinhändler und Freaks neben ganz normalen Touristen sitzen. Ein genialer Ort, der sich immer ein bisschen so anfühlt als würde die Zeit hier kurz mal stehen bleiben.

Neben einem Lunch oder Dinner im More e Macine ist auch die Weinhandlung Cantina Comunale ein absolutes Highlight, wenn man doch was mit nach Hause nehmen möchte: Hier findet man alle rund 70 Winzer:innen aus La Morra – und zwar ausschließlich. Die beiden Kolleginnen vor Ort beraten großartig und es gibt immer einige Weine offen.

Zum Essen gibt es für mich noch zwei Optionen in La Morra, die herausstechen: Die Vineria Sociale ist der mensch-gewordene hippe Schwiegersohn des Barolo, hier findet man neben großen Klassikern wie Rinaldi auch die Weine aller aufstrebenden Namen wie Cantina D’Arcy, Philine Isabelle oder Castrum Roche. Am Kirchenplatz sitzend mit einer schönen Flasche die letzten Sonnenstunden im Herbst genießend – gibt wohl kaum bessere Orte dafür!

Ebenso großartig wie völlig unterschiedlich ist die Locanda Fontanazza: Das Lokal ist klassischer, etwas mehr oldschool aber genauso simpel und unprätentiös wie die gesamte Region. Der Eigentümer Mattia ist eine absolute Legende und hat auf seiner kleinen, ständig wechselnden Weinkarte immer sensationelle Positionen. Hier hatten wir dieses Jahr einen genialen Abend mit einer Flasche Pie Rupestris 2014 von Cappellano. In der Locanda kann man übrigens auch übernachten – haben wir bisher noch nicht geschafft, weil es nur eine Handvoll Zimmer gibt – aber das wäre natürlich der Optimalfall.

Legendär: Die Speisekarte an der Tafel im More e Macine.

Annunziata

Das kleine Dorf rund 4 Kilometer unterhalb von La Morra ist einigen wahrscheinlich aufgrund der Weine von Accomasso ein Begriff, viel mehr als eine Kirche und ein großartiges Lokal gibt es hier allerdings nicht. Die Osteria Veglio ist ein etwas feineres, bürgerlicheres Restaurant – hier würde ich vielleicht nicht nochmal so abgeschwitzt um einen Tisch fragen, wie bei unserer letzten Reise. Das Essen ist wie überall großartig, für die weißen Tischdecken und den schönen Ausblick zahlt man pro Gericht 3-4€ mehr. Die Weinkarte ist ebenfalls nicht die günstigste der Region, dafür findet man wirklich alle großen Namen von Rinaldi über Bartolo bis zu Conterno – und das ist selbst direkt im Piemont mittlerweile gar nicht mehr so einfach.

Castiglione Falletto

Einen Hügel weiter und durch den namensgebenden Turm von Weitem ersichtlich trifft man in Castiglione Falletto auf eine absolute Institution: Die Bar la Terrazza de Renza ist gerade im Sommer und an warmen Herbsttagen der beste Platz für einen gemütlichen Schwipps zu Mittag. Essen ganz klassisch von der Mama zubereitet, die Weinkarte sehr fair kalkuliert mit einigen schön angereiften Flaschen. Da kann man nichts falsch machen.

Der Blick auf das eingerüstete Castiglione Falletto aus dem Auto.

Perno

Eine Ortschaft weiter ist man in Perno angekommen und findet neben den knapp 10 Häusern mit dem Repubblica das aktuell vielleicht beste Lokal der Region. 5 Tische, Marco in der Küche und Elena im Service. That’s it. Was da aber aus der Küche kommt, hat für uns alles im Piemont in den Schatten gestellt. Das ist traditionell, aber mit so einer Feinheit und Balance, die wir sonst nirgends gefunden haben. Was sonst doch eher auf der brachialen, rustikalen Seite liegt – und hey, liebe ich natürlich – ist hier auf der zarten, feinen Seite. Das Lokal schaut von außen wie innen nach nicht viel aus, aber hier wird sich auf das Wesentliche konzentriert. Und die Weinkarte spricht nur eine Sprache: Vollgas. Als wir Mittags (!) dort gegessen haben, wurden an den Tischen rundherum zwei Lagen Barolo von Rinaldi (1x schuldig!) und zwei Jahrgänge Barolo von Accomasso getrunken. Unbedingt reservieren, aufgrund der wenigen Tische und dem Status, den Elena & Marco auch bei den Winzer:innen der Region genießen, ist das Lokal immer komplett voll.

Das legendäre Repubblica. Großes Kino!

Serralunga

Einen Hügel weiter östlich kommt man nach Serralunga und seinem wunderschönen Castello aus dem 14. Jahrhundert, rund um welches das kleine Dorf aufgebaut ist. Die größte Challenge ist hier im Sommer einen Parkplatz zu finden, danach kann man eine kurze Runde hinauf zur Burg machen – oder man kehrt direkt in der Vinoteca Centro Storico ein. Hier kann man von Champagne über Barolo und Barbaresco wirklich alles trinken, was das Herz begehrt. Die Kalkulation ist mal recht günstig, mal etwas teurer als in der restlichen Region – also gut aussuchen. Alessio, der Eigentümer ist, ein Unikat. Er kann mal etwas schroff rüberkommen – einfach eine gute Flasche Nebbiolo bestellen und nicht wie ein naiver Tourist am Nebentisch zuerst nach einem Glas Wasser fragen, das kommt weniger gut an.

Zum Genießen: Die Steilheit der Weingärten, der Barolo von Burlotto.

Monforte

Am südlichen Zipfel der Zona Barolo liegt mit Monforte ein etwas größeres Dorf (es gibt sogar einen offiziellen Parkplatz!), das man vor allem aufgrund einer Restauration besuchen sollte: Die Barolo Bar ist genau das, was der Name verspricht. Draußen begrüßt einen ein Schild mit der Aufschrift „Solo Vino, we don’t have coffee.“ Drinnen – oder auf der Terrasse gegenüber gibt’s einfaches Essen und eine Weinkarte zum Niederknien mit Preisen die man kurz für Einkaufspreise hält. Wie immer gilt: Die Flasche muss im Restaurant geöffnet werden, verschlossene Flaschen kaufen ist nicht möglich.

Barbaresco-Special: Neive

Ein kurzer Ausflug ins Barbaresco muss hier noch mit rein, auch wenn es in diesem Beitrag um Barolo gehen soll. Wie jede Ortschaft ist auch Neive auf einem Hügel gelegen, die Altstadt dieser etwas größeren Ortschaft ist aber wirklich sehenswert. Nicht nur sehens- sondern vor allem schmeckenswert ist das L’Aromatario: Etwas feinere Küche, etwas verspielter – gepaart mit einem genialen Weinkeller, der alle Wünsche zufriedenstellt. Wirklich alle. Entsprechend muss diese Sondernennung hier noch mit rein.

Weitere Lokale im Piemont, die ich selbst noch nicht besucht habe:

Was man vom Piemont nicht erwarten darf

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Piemont und um falschen Erwartungshaltungen entgegenzuwirken: Die Zeit, wo man hier für 120-150€ Rinaldi Barolo an jeder Ecke trinken konnte, ist leider vorbei. Mittlerweile muss man die raren Flaschen der Großmeister auch im Piemont suchen wie ein Trüffelschwein und der Preis liegt bei 200-250€. Alles darüber ist Abzocke, dann seid ihr im falschen Lokal. Alles darunter existiert – zumindest für Touristen – nicht mehr. Erwartet euch auch keine große Jahrgangstiefe bei den ganz großen Weinen, das wird den Lokalen alles schon sehr jung aus den Händen gerissen, entsprechend sind die berühmten Klassiker oft nur wenige Tage oder Wochen auf den Karten, bevor die wenigen Flaschen wieder dahin sind. Und ganz wichtig: Wir sind hier zwar geographisch in Italien, die Piemonteser sind aber ein sehr eigenes Volk und in vielem den Franzosen näher als dem südlichen Italien. Überschwängliche Gastfreundschaft, die man gerne mit Italien assoziiert, wird hier durch rustikale Direktheit ersetzt. Was im ersten Schritt negativ wahrgenommen werden kann, ist einfach die Art und Weise der Langhe – und mit ein bisschen Zeit und der richtigen Bestellung wird es auch was mit dem Gespräch. In diesem Sinne: Auf ins Piemont!